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Der Tof eines Auserwählten: Ein Nachruf auf Muhammad Hussein Fadlallah von Wiebke Eden-Fleig

 

Muhammad Hussein Fadlallah, einer der wichtigsten schiitischen Geistlichen, ist am Sonntagmorgen in Beirut gestorben. Der 75-Jährige starb nach langer Krankheit an inneren Blutungen, teilte das Krankenhaus mit. Mit Fadlallah verliert der Libanon einen seiner wichtigsten religiösen Würdenträger, der durch sein Wirken Respekt und Anerkennung weit über die Konfessionsgrenzen hinweg erworben hatte.

 

www.zenithonline.de / 4.7.2010


Dass Fadlallah überhaupt 75 Jahre alt wurde, verdankte der Geistliche einem glücklichen Zufall, denn eigentlich hätte Sayyid Muhammad Hussein Fadlallah schon am 8. März 1985 sterben sollen. Eine massive Autobombe detonierte in dem dicht besiedelten Beiruter Vorort Bi’r al-Abed; beinahe 100 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt. Obwohl die per Fernbedienung gezündete Bombe – die Auftraggeber wurden nie zweifelsfrei ermittelt – einen Großteil des Viertels in Schutt und Asche legte, verpasste sie ihr eigentliches Ziel. Fadlallah war verspätet und entkam diesem wie unzähligen weiteren Attentaten, die im Laufe der Jahre folgen sollten.

Das Glück, die vielen Mordversuche unversehrt überstanden zu haben, ließen seine Anhänger seit langem glauben, Fadlallah sei ein Auserwählter, der die Welt vom Unheil befreien könne. Fadlallahs Wort zählt über seinen Tod hinaus für viele Schiiten mehr als Politik und Gesetze. Der 75-Jährige war der bedeutendste Theoretiker aller islamistischen Bewegungen im Libanon und zählt zugleich zu den einflussreichsten religiösen Gelehrten in der arabischen Welt. Der im irakischen Nadschaf geborene Sohn libanesischer Eltern war ein wichtiger schiitischer marja’. Als solcher wusste er eine große Anzahl von Anhängern im Libanon, im Irak und in den Golfstaaten, aber ebenso in Ländern des Westens hinter sich, die seine Ansichten in Fragen der Religion als verbindlich anerkennen.


Progressiver Theologe für die Einen, Terrorist für die Anderen

Sein schwarzer Turban wies ihn als Nachfahren des Propheten Muhammad aus und erlaubte ihm den Titel »Sayyid« anstelle von »Scheich«. Obwohl ihn eine Aura universellen Wissens umgab, trat er bescheiden, fast zurückhaltend, und keineswegs überheblich auf.


Neben seinen Predigten in der Masdschid al-Imamain – die Bewohner des Viertels Haret Hreik nennen sie »Fadlallah-Moschee« – übersah er Seminare im iranischen Qom, beantwortete religiöse Fragen, die ihm per Brief, Fax oder E-Mail zugesandt wurden, und gab bis zu seinem Tod mindestens einmal pro Woche ein Interview. Darin ging es um Themen wie die islamische Haltung zum Thema Klonen, die Globalisierung und die Postmoderne im Allgemeinen, Frauenrechte, die Palästinafrage oder die Situation im Irak. Außerdem kümmerte sich Fadlallah persönlich um sein soziales Netzwerk Al-Mabarrat, welches sich um jene sorgt, die sonst in der libanesischen Gesellschaft vergessen werden, insbesondere Waisen, Arme und Behinderte.


All dieser Aktivitäten zum Trotz war sein Ruf nicht überall der beste. Vom Westen wurde Fadlallah als Terroristenführer dämonisiert. Seit Ende der 1980er Jahre durfte er nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen; die Amerikaner sind davon überzeugt, dass der Kleriker der geistige Vater der so genannten »Märtyreroperationen« der Hizbullah gegen die israelische Besatzung im Südlibanon war. Überdies soll Fadlallah die religiöse Rechtfertigung für die Anschläge auf das Hauptquartier der US-Marines und die amerikanische Botschaft in Beirut im Jahr 1983 geliefert haben, die mehr als 300 Menschen das Leben kosteten. Beweise für diese Vorwürfe gibt es allerdings nicht.


Aber auch aus der arabischen Welt und von Seiten einflussreicher schiitischer Kleriker im Iran hagelte es regelmäßig Kritik: Ironischerweise wurden dem Ayatollah hier vor allem Vorwürfe wegen seines Pragmatismus und Reformbewussteins gemacht. Besonders Fadlallahs Forderungen zur Gleichstellung der Frau in den muslimischen Gesellschaften wurden kritisiert.


Mitbegründer der »schiitischen Renaissance«

Wer Sayyid Muhammad Hussein Fadlallah wirklich ist, bleibt auch nach seinem Tod schwer zu sagen. Er gehörte zu den ersten islamischen Gelehrten, der die Anschläge vom 11. September 2001 öffentlich verurteilte. Doch seine Kritik an Amerika verschärfte sich im Laufe der Amtszeit von US-Präsident George W. Bush und dem damit verbundenen »Krieg gegen den Terror« in Afghanistan und später im Irak. In einem Beitrag für die in London erscheinende Zeitung Al-Sharq al-Awsat stellte er 2004 ganz explizit die Frage nach den Drahtziehern und den Nutznießern der Anschläge in New York und Washington. Wie viele Araber und Muslime glaubte Fadlallah, dass die Israelis von den Anschlagsplänen gewusst, ihre amerikanischen Verbündeten aber nicht gewarnt hätten. Gleichzeitig hätten die Amerikaner die weltweite Solidaritätswelle nach dem 11. September dazu genutzt, ihre neo-imperialen Interessen durchzusetzen.


Vielleicht liegt es an Standpunkten wie diesem, dass Fadlallah oftmals in einem Atemzug mit der Hizbullah genannt wird. Dass sein Wohnsitz in unmittelbarer Nähe des 2006 von Israel zerstörten Hauptquartiers der »Partei Gottes« lag, ist Zufall. Auch wenn viele das Gegenteil behaupten, gibt diese Nähe keinen Aufschluss über die Verbundenheit zwischen dem Geistlichen und der schiitisch-islamistischen Bewegung. Allzu häufig wurde Fadlallah vereinfachend als Mitbegründer und spiritus rector der Hizbullah dargestellt. Zwar spielte er in den 1970er Jahren bei der Entstehung des schiitischen politischen Aktivismus im Libanon eine zentrale Rolle, Fragen nach der Zugehörigkeit zu politischen Organisationen wich er jedoch aus.


Unstrittig dürfte sein, dass ihn nicht nur der religiöse Einfluss seiner Mentoren wie Großayatollah Sayyid Abul-Qassim al-Khoei, sondern auch die Politisierung der irakischen Schiiten entscheidend geprägt hat. Unter der spirituellen Führerschaft Fadlallahs, der 1966 in den Libanon ging, gründete die irakische »Da’wa«-Partei zahlreiche islamische Lernzirkel und Selbsthilfeorganisationen, um ihre aktivistische Ideologie zu verbreiten. Diese stand im scharfen Kontrast zu der bis dahin üblichen quietistischen Tradition der Schiiten.


In den letzten Jahren war das Verhältnis zwischen Fadlallah und der Hizbullah eher frostig Die Unterschiede sind beträchtlich – vor allem in der Beurteilung des Iran. So hegte Fadlallah offen Sympathien für die Reformkräfte im Land, während die Hizbullah-Führung den konservativen Revolutionsführer Ayatollah Khamenei unterstützt. Fadlallah hat sich zudem offen von Khomeinis Konzept einer islamischen Republik distanziert. Kein schiitischer Führer, nicht einmal Khomeini, so betonte er immer wieder, besitze ein Monopol auf die Wahrheit.

Wichtiger Hinweis: Der hier veröffentlichte Artikel ist ein externer Text, also weder vom fadlallah.de Team noch von der offiziellen Seiten Seiner Eminenz (r.). Wir haben diesen hier nur ausgewählt, um die unterschiedlichen Ansichten gegenüber Seiner Eminenz (r.) festzuhalten. Es sei auch betont, dass die hier vertretenen Ansichten nicht immer mit den tatsächlichen Ansichten Seiner Eminenz (r.) übereinstimmen müssen.